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Der Kirchenpolitiker Lorenz Jaeger

3. Fachtagung des Jaeger-Projektes unter Corona-Bedingungen

(c) Gisela Fleckenstein

10.09.2020

Bereits zum vierten Mal, nach der Eröffnungstagung 2017, der Fachtagung „Jaeger als Theologe“ (2018) und der Fachtagung „Jaeger als Ökumeniker (2019), trafen sich etwa 30 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus ganz Deutschland zur Fachtagung „Jaeger als Kirchenpolitiker“ in der Katholischen Akademie in Schwerte. Unter Einhaltung der Sicherheits- und Hygienevorschriften der Katholischen Akademie in Schwerte wurde auch diesmal wieder referiert und angeregt diskutiert. Christian Kasprowski (Koordinator des Forschungsprojekts „Lorenz Kardinal Jaeger“): „Wir haben sehr früh in diesem Jahr entschieden, dass wir versuchen wollen eine Präsenztagung durchzuführen. Das Projekt sollte in seinem Rhythmus bleiben. Heute sind wir sehr erleichtert, dass die Tagung tatsächlich so stattfinden konnte. Die Rückmeldungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren durchweg positiv. Alle waren spürbar erleichtert, wieder an einer wissenschaftlichen Tagung, mit entsprechenden Hygienekonzept, teilnehmen zu können. Für Einige ist dies die einzige Tagung in diesem besonderen Jahr.“

3. Fachtagung des Jaeger-Projektes: Lorenz Jaeger als Kirchenpolitiker(c) Georg Pahlke Den Auftakt machte Archivoberrätin Gisela Fleckenstein (Speyer) mit einem Vortrag über Jaegers politische Prägungen bis zum Ende der Weimarer Republik. Im Anschluss sprach Erzbistumsarchivar Dr. Arnold Otto über das Verhältnis Jaegers zu den Briten. Jaeger war am Ende des Ersten Weltkriegs als Kriegsgefangener nach Großbritannien gekommen. Als Erzbischof stand er nach 1945 im engen Austauschen mit der britischen Besatzungsmacht. Prof. Dr. Klaus Unterburger (Regensburg) und Prof. Dr. Olaf Blaschke (Münster) blickten am Nachmittag auf die Themen Entnazifizierung, sowie Rezeption und Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Blaschke stellte fest, dass eine Auseinandersetzung Jaegers mit dem NS nach 1945 kaum stattgefunden hat.

Am ersten Abend wurde der zweite Band des Forschungsprojekts mit dem Titel „Jaeger als Ökumeniker“ offiziell vorgestellt. Dieser Band, herausgegeben von Prof. Dr. Nicole Priesching und Dr. Arnold Otto, konnte trotz der Corona-Herausforderungen pünktlich zur dritten Fachtagung fertiggestellt werden. Priesching: „Das war eine unglaublich starke Mannschaftsleistung aller Beteiligten.“

Prof. Dr. Nicole Priesching, Vorsitzende der Kommission für Zeitgeschichte im Erzbistum Paderborn und Leiterin der Tagung(c) Gisela Fleckenstein Der Freitag startete mit der bewegten Gründungsgeschichte des Ruhrbistums Essen, an welcher der Paderborner Erzbischof stark beteiligt war. Prof. Dr. Reimund Haas (Köln) erinnerte daran, dass der Paderborner Weihbischof Franz Hengsbach zum erste „Ruhrbischof“ von Essen wurde. In seinem Vortag zu den Katholikentagen konnte Dr. Georg Pahlke (Paderborn) zeigen, dass Jaeger dort ein regelmäßiger Gast war. Bei der Planung und Durchführung des Katholikentages 1949 beteiligte sich Jaeger engagiert und nutzte den Katholikentag gezielt, um Verbindungen zu knüpfen. Über die nicht immer leichten Beziehungen in den östlichen Teil der Erzdiözese Paderborn referierte Prof. Dr. Jörg Seiler (Erfurt). Dabei bedauerte Seiler, dass die östliche Perspektive häufig von Kirchenhistoriker*innen in der Gegenwart vergessen werde.

Am Nachmittag betrachtete Christian Kasprowski (Paderborn) in seinem Vortrag die Beziehung Jaegers zur bundespolitischen Elite in den 1960er Jahren, wobei er auf den engen Austausch Jaegers mit dem Bundestagsabgeordneten und späteren Bundeskanzlerkandidat Rainer Barzel einging.

Am Abend folgte eine Podiumsdiskussion zwischen Prof. i.R. Dr. Joachim Kuropka (Vechta) und apl. Prof. Dr. Klaus Große Kracht (Münster), in welcher kontrovers die Rolle Jaegers im Nationalsozialismus diskutiert wurde. Während Kuropka zum Gesamturteil kam, Jaeger habe es gut gemacht, sprach Große Kracht Kritikpunkte zu Jaegers Nationalismus und Antibolschewismus an. Vor allem seine Äußerungen zum Krieg wurden unterschiedlich bewertet. Die Diskussion wird im kommenden Tagungsband „Jaeger als Kirchenpolitiker“ nachzulesen sein.

Am Samstag berichtete Dr. Daniel Gerster (Hamburg) über Jaegers Vorstellungen von Frieden und die Entstehung und Entwicklung der PAX-Christi-Bewegung im Erzbistum Paderborn. Im Anschluss beleuchtete Dr. Barbara Vosberg (Bochum) Jaegers Engagement bei den Grabesritter.

Insgesamt kann festgehalten werden, dass Jaeger kein unpolitischer Bischof war. In der Nachkriegszeit agierte er als Vermittlungsinstanz mit den britischen Besatzern, engagierte sich nicht unproblematisch bei diversen Entnazifizierungsverfahren, pflegte regen Kontakt zu Politikern der BRD, setzte sich für gesellschaftspolitische Anliegen der Kirche ein und war immer wieder als Informationsbeschaffer, Vermittler, Ansprechpartner und Netzwerker gefragt. Seine Rolle im Nationalsozialismus ist aufgrund einer lückenhaften Quellenlage schwer zu bestimmen. Die Diskussion zeigte, dass hier nach wie vor große Interpretationsspielräume vorhanden sind. Es fiel allerdings auf, dass Jaeger in den 60er und 70er Jahren, als er selbst diesbezüglich häufiger angefragt wurde, wenig selbstkritisches Bewusstsein zeigte.

Einen ausführlichen Tagungsbericht finden Sie hier.