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1968 und die katholische Kirche in Deutschland

Fachtagung in der Katholischen Akademie Schwerte

 „1968 war nicht das Jahr, das alles verändert hat… Aber nach »68« war fast nichts mehr so wie früher.“ Mit dem Zitat des Zeithistorikers Norbert Frei eröffnete der Vorsitzende der Kommission für kirchliche Zeitgeschichte im Erzbistum Paderborn, Dr. Georg Pahlke, die Fachtagung, die unter der Fragestellung stand: „1968: Rebellion und Aufbruch – auch in der Kirche?“ Zum zweiten Mal hatte die Kommission zusammen mit der Katholischen Akademie nach Schwerte eingeladen, um mit Interessierten ein zeitgeschichtliches kirchliches Thema zu beleuchten und zu diskutieren. Das „Wendejahr“ der bundesrepublikanischen Gesellschaft bot sich in diesem Jahr bei seiner 40. Wiederkehr als Thema an.

 

In einer audiovisuellen Einführung wurde deutlich, wie bunt und dynamisch, aber auch brutal und widersprüchlich die Ereignisse des Jahres waren. In Deutschland blieb auch die Kirche von der Unruhe und der Aufbruchsstimmung nicht unberührt. Die Veröffentlichung der Enzyklika „Humanae Vitae“ durch Paul VI. und der Essener Katholikentag waren Ereignisse, die die katholische Kirche nicht nur nachhaltig prägten, sondern sie auch veränderten. In seinem Hauptreferat zeigte Prof. Dr. Joachim Schmiedl, Kirchenhistoriker an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Vallendar, die Linien vom gesellschaftlichen Protest über die politischen Konsequenzen bis hin zu den Auswirkungen im kirchlichen Leben auf. Das »68er«-Gefühl traf in der Kirche auf eine Aufbruchsstimmung nach dem II. Vatikanischen Konzil, die für erhebliche Unruhe sorgen sollte. Vor allem der Ruf nach Beteiligung der Laien und der Widerspruch gegen die päpstliche Einstellung zur Empfängnisverhütung dominierten die innerkirchlichen Auseinandersetzungen, die während des Essener Katholikentages in aller Öffentlichkeit ausgetragen wurden, ein völliges Novum in der katholischen Kirche.

 

Im Anschluss an das Hauptreferat kamen drei Zeitzeugen aus dem Erzbistum Paderborn zu Wort. Dr. Friedrich-Wilhelm Saal aus Dortmund war damals in den neu gegründeten Räten aktiv. Er stellte rückblickend fest, dass es in den neuen Strukturen nicht in erster Linie eine Konfrontation zwischen Laien und Priestern gegeben habe, sondern dass die Konfliktlinien stärker zwischen der Bistumsverwaltung und den neuen Gremien verlaufen seien. Aus der Perspektive der katholischen Jugendarbeit in der Christlichen Arbeiterjugend (CAJ) berichtete der damalige Diözesankaplan und heutige Pfarrer Josef Eickhoff aus Holzwickede. Er betonte, dass es innerhalb der CAJ nicht die innerkirchlichen Themen gewesen seien, die die jungen Menschen beschäftigten. Vielmehr sei vom Protest der Studenten und der neomarxistischen Theorie, die sie vertraten, eine große Faszination auf die jungen katholischen Arbeiter ausgegangen, die viele bewogen habe, sich in linken Gruppen zu engagieren. Die Situation im Klerus beleuchtete der dritte Zeitzeuge, Pfarrer Dr. Bernward Hallermann, der damals Mitglied des Dortmunder Oratoriums, einer Priestergemeinschaft an der St. Bonifatius-Kirche, war. Auch Hallermann erinnerte sich an Aufbrüche, aber auch an Rat- und Orientierungslosigkeit unter den jüngeren Priestern, die sich in entwicklungspolitischen Engagement, nicht selten aber auch in Kirchenkritik und Distanzierung vom eigenen Amt äußerte.

 

Zum Abschluss der Veranstaltung präsentierte der Tagungsleiter, Dr. Markus Leniger, einen halbstündigen zeitgenössischen WDR-Beitrag zum Essener Katholikentag, der den Teilnehmern noch einmal die Rebellion und den Aufbruch in der deutschen Kirche mit Bild und Ton vor Augen führte.

 

 

 

 

 

 

 

Zeitzeugen aus dem Erzbistum Paderborn: v.l. Dr. Saal, Dortmund, Pfarrer Eickhoff, Holzwickende, Pfarrer Dr. Hallermann, Dortmund und Moderator Dr. Leniger, Kath. Akademie